Naturisten gestern und heute, was hat sich verändert?

Obwohl das Foto im folgenden Beitrag vor 75 Jahren geschossen wurde, scheint es immer noch aktuell zu sein. Das aber stimmt nur zum Teil, denn nicht nur das Foto, sondern auch die Idee dahinter stammt aus einem anderen Jahrhundert!

Magazin, July 1937
Magazin, July 1937

Ja, Naturisten spielen immer noch begeistert Volleyball, Tischtennis und Boule – und viele von ihnen sind ähnlich nett anzusehen wie die Damen auf dem Foto. Alles korrekt!

Gerade in den Sport und Naturfreunden-Vereinen steht der sportliche Aspekt noch ganz oben auf der Tagesordnung – und irgendwie sehen sich diese Vereine gerne in der Tradition der „Leibesertüchtigung“ – und klagen über Mitgliedermangel.

DAS PARADOXUM

Vielleicht liegt es daran, das dieses Foto nicht mehr dem Selbstbildnisses der heutigen FKK-Gemeinde auf dieser Welt entspricht – und vor allem entspricht es nicht dem Selbstbildnis des heutigen Menschen – oder dem Verständnis der Nacktheit.

Warum? Weil viele Naturisten die Wahrhaftigkeit in der Nacktheit mögen und gerne die Umwelt auf der nackten Haut spüren. Das Leben und den eigenen Köper als das zu spüren, was sie sind! Ein Pures Vergnügen. Bedingungslos!

Gerade im Zeitalter der Fitnessstudios, die in der Regel 15 Minuten von Zuhause entfernt sind, über einen riesigen Parkplatz verfügen und weniger als eine gute Flasche Wein im Monat kosten, MUSS der FKK-Verein einsehen, dass Sport und Leibesertüchtigung KEINE Argumente mehr sein können!

Tatsächlich macht es nämlich – bei der wunderbaren Funktionswäsche – oft keinen Sinn mehr nackt Sport zu machen!

Endlich angekommen?

Natürlich ist der Naturismus heute da angekommen, wo er heute hingehört. Es geht den meisten Naturisten um das „Wesen Mensch“ und um das Gleichgewicht zwischen Seele und Körper und nicht um dem sportlichen Wettkampf. Wettkampf hat man heute im Leben genug!

Natürlich braucht man heute keine sportlichen Aktivitäten um die eigenen Nacktheit zu begründen. Heute können Naturisten selbstbewusst mit der eigenen Nacktheit und dem damit einhergehendem Wohlgefühl umgehen.

Natürlich ist es diese ursprüngliche Sinnlichkeit, die den Spass am Naturimus heute immer noch fördert – und nicht in erster Linie die Leibesertüchtigung zur “fetziger” Musik aus dem Kassettenradio!

Warum bist du nackt?
Weil ich es mag!
Frage eines Textil-Gängers am FKK Strand!

Bitte keine Cheesecake-Motive

So selbstbewusst und progessiv man heute sein kann, so dezidiert ist auch die Haltung gegenüber diesen Cheesecake-Motiven der einstigen Magazine aus Anfangszeiten der Bewegung.

Der Titel des DFK Magazins September 2013
Der Titel des DFK Magazins September 2013

Das leckere nackige Mädchen auf den Titelblättern der naturistischen Magazinen findet man heute (fast) gar nicht mehr in den aktuellen Publikationen.

Das zeigt sich schon in der heutigen Motivwahl der meisten Naturisten und FKK Magazinen. Die heutigen Motive behandeln die Geselligkeit, das Chillen, das Sonnenbad, das planschen im Wasser… Familie und entspannte Freizeit!

Heute ist es wichtig seine Zeit mit seinen Lieben zu verbringen. Anders als die Abbildung der „Frauen-Volley-Ball-Gruppe“, bildet man heute Paare, Familien, Freunde ab!

Heute haben Naturisten genau das Verstanden und heute können Naturisten auch damit umgehen, dass die Formen voluminöser sind und auch der sportliche Aspekt hinter den Wellness-Aspekt gestellt werden kann.

Naturisten sind Menschen!
In allen Grössen, Formen und Farben.
Genau wie DU und ICH
Felicitas

Man braucht das Alibi des Sportes nicht mehr, damit man gesellschaftlich anerkannt die Hüllen fallen lassen kann.

Die Gesellschaft als Hürde

Bis Frauen und Männer aber so weit sind, hat der liebe Gott die Gesellschaft und Sozialkultur als Hürde in den Weg gestellt.

Vor allem haben immer wieder Frauen ein Problem mit der sozialen Nacktheit, da sie in der Regel kritischer in Bezug auf das eigene Aussehen, die eigene Körperform oder die eigene Fitness sind als Männer – natürlich begründet in einer Reihe von sozial-gesellschaftlichen Gründen.

In den Gesprächen mit Nicht-Naturisten kam immer wieder das unwohle, nicht spezifizierbare Gefühl zur Sprache, dass sich einstellt, wenn Frauen daran denken sich vor Fremden zu entblößen. Dieses Gefühl begründet sich aber im Blick von aussen auf die eigene Hülle, den eigenen Körper.

Das eigene, schlechte Körperbild ist die Geißel der Frauen und hat einfach keinen Platz in der sozialen, liberalen Freikörperkultur (und JA, es ist eine Kultur – das erkläre ich an anderer Stelle gerne ausführlicher).

Die Lösung: Zurück zur Leibesertüchtigung?

Nur, weil die Frauen mit dem Selbstbild keine Übereinstimmung zum Gesellschaftlichen Wunsch-Ideal finden, sollen wir das Thema FKK wieder mit den sportlichen, drahtigen Frauen des frühen 20sten Jahrhunderts verknüpfen?

NEIN! Wir wollen FREIHEIT in der Bewegung und keinen Zwang in der Sportlichkeit. Wir wollen Vorurteile der Gesellschaft nicht bestätigen, indem wir Mitgliedern oder interessierten indoktrinieren, dass es ein körperliches Ideal zu geben scheint! GENAU das machen nämlich die sportlichen Cover der „Guten alten Zeiten“. Heute gibt es dafür Fitness-Studios!

Ich erwarte, dass der Mensch bewusst „Ja“ zu sich,
seinen Speckröllchen, dem Bauch und der Cellulitis sagt.
Ich, zu jedem der jammert

Ist dieser erste, harte Schritt getan und haben die ehemals superselbstkritischen Menschen sich dazu entschieden ihre unsinnigen Ängste und Sorgen einfach – und gemeinsam mit der Idee von Zerosize – abzulegen, erfahren diese Neulinge den wichtigsten Grund für die Freikörperkultur: Freiheit für Körper und Geist!

Exclusion ist die Wahl der Dinge

In der Tat ist die einfache Exclusion dieser Ängste und Sorgen einer der wichtigsten Gründe, weshalb Menschen zu begeisterten Fans der Freikörperkultur werden! (Dazu gibt es einen Beitrag: „Weshalb Nicht-Naturisten Opfer sind„)

Ein Naturisten-Paar in der Blüte ihres Lebens - http://instagram.com/inudista
Ein Naturisten-Paar in der Blüte ihres Lebens

Und ganz oft erleben diese Menschen beim ersten FKK-Tag ein enormes Glücksgefühl, dass über TAGE anhält, weil sie zum ersten Mal in Ihren Leben ein Umfeld erleben, in dem die Grundlage für Schönheit nicht Körperform und der Body-Mass-Index sind oder wie andere sie sehen und sie beurteilen.

Einfach mal so zu sein, wie man ist und andere so zu sehen, wie sie sind – und nicht wie sie sein sollten, müssten, könnten! Das macht den Naturismus aus.

Und deswegen ist das obige Magazin-Cover nicht mehr aktuell und gehört einer, vielleicht sehr staubigen Geschichte an. Weg damit!

Der Neue Naturist und das Freiheitsgefühl

Der neue Naturist wird in der Regel feststellen, das die Freikörperkultur nicht nur eine Wochenenderholung von der Diktatur der körperbildlichen Gleichschaltung bietet, sondern sich das neu gewonnen Freiheitsgefühl in das tägliche Leben übertragen lässt.

Vor allem Frauen und Jugendliche macht es selbstbewusster und selbstsicherer. Das passiert aber erst dann, wenn wir lernen uns zu akzeptieren und uns endlich als das wahrnehmen, was wir sind.

Man ist ein Naturist auch mit der Seele
und nicht nur mit blankem Hintern!
Kluger Spruch von einer 93 Jährigen Naturistin

Sobald wir diesen Schritt gemacht haben, sind wir viel weniger angreifbar durch die äußeren Einflüsse. Wir werden weniger zum Opfer der medialen Manipulation, die immer wieder versucht uns davon zu überzeugen, dass das pure ICH heutzutage nicht ausreicht – und man ein ständiges Update braucht.

In diesem Sinne.
Seid glücklich, macht Euch nackt!

  1. Eckhard Arcypowski

    Kann man drüber reden. Hab es heute leider verpasst (Stammtisch)

    Geschichte sollte man nie wegwerfen. Auch sie wird ja immer wieder neu geschrieben. Wie, ist dabei die eigentliche Frage. Da gäbe es in der bisherigen FKK-Geschichtsschreibung einiges gerade zu rücken.

    Wer ist „Wir“, die FREIHEIT wollen? Gut, ein so lebendiger Monolog darf vielleicht auch mit Elementen von Debatte und möglichen Ansichten spielen.

    Bis demnächst mal.

    • Hier steht nicht das WIR im Raum, sondern die Tatsache, dass sich der Begriff Freiheit gewandelt hat. Formal ist es gleich geblieben. Inhaltlich aber sehr divers 🙂

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