Männertaxi..

Erstlingswerk, Debütroman oder Frauenroman werde ich nicht in Bezug auf das Buch von Andrea Kossmann verwenden. Ich möchte auch nicht auf den Inhalt des Buches eingehen, denn dass haben nun schon so viele andere gemacht… Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Vielmehr ist es die Erfahrung des Buches, die mich beschäftigt.

Andrea Kossmann ist eine erfahrene und durchaus im Leser-Dialog gewandte Autorin. Sehr sensibel und feinfühlig hat sie schon oft bewiesen, dass Sie schreiben kann.

Wer Kossi kennt, der kennt auch Ihre Werke wie „Wunderland der Liebe (Hier kaufen)“ und „Herzgestöber: Lyrik“ (Hier kaufen).

Neben den verlegten Büchern und den veröffentlichen Kurzgeschichten hat Andrea gemeinsam mit dem grossartigen Sven Matthias eine ganze Reihe von Hörspielen auf Basis Ihrer Kurzgeschichten produziert.

Zudem hat die Protagonisten ihres aktuellen Werkes Männertaxi“ – also „Isa Schwärzenbach“ sogar eine eigene Kolumne. Die „Isa Schwärzenbach Kolumne“… Und wer „Die Pfeiler meines Lebens“ kennt, der weiss spätestens jetzt, dass Andrea Kossmann zu den grossen Deutsche Literaten gehören muss.

Neuling: Nein… Bestimmt nicht.
Unbekannt: Ja, wahrscheinlich!
Lesenswert: Auf jeden Fall!

Das Buch

Die Werbung für dieses Buch hat mich ein wenig an die vielen anderen Werke der „Jungen Wilden Autoren“ dieses Jahrzehnts erinnert. Ich dachte zuerst: Tommy Jaud, Matthias Sachau, Philip Tamm & und der ganze Rest lassen grüssen. Aber WEIT gefehlt.

Das Buch ist mehr als eine frivole, fleischgewordene Frauenfantasie alla Carrie Bradshaw oder Ally McBeal. Vielmehr ist es die Geschichte einer tragischen, einsamen Figur die mir auf 300 von 442 Seiten eher leid getan hat!

Aber, Andrea Kossmann hat es geschafft das emotionale Wirrwarr im Kopf einer jungen Frau, die zwischen romantischer Allmachtsfantsie, zwanghafter sozialer Anpassung, Kosmetik-, und Konsumsucht und dem Wunsch einer emotionalen Befreiung hängt, in einem sehr umfangreichem Mass zu beschreiben.

Dabei erzeugt Andrea Kossmann einen Eindruck von Frauen, der so gar nicht dem gängigen Bild entspricht. Sie erzählt von zwei jungen Frauen, die ihr Leben durchaus im Griff haben und trotzdem immer und ständig latent unzufrieden sind.

Hier die Frau, die selbstbestimmt ihren Weg geht und da dieselbe Frau, die glaubt als Tochter versagt zu haben! Dieses Spiel der Gegensätze, das Auf und Ab, oder wie ich es nenne: „Das Kossisches Welltenreiten“ bewegt den Leser ab der ersten, bis zu letzten Zeile des Buches.

Obwohl die beiden Protagonisten „ISA und PIA“ offen und selbstverständlich sich sogar an 15 Jahre jüngere Knaben wagen und kein Problem darin sehen sich mit verheirateten Männern sexuell zu beschäftigen, kommt dem Leser nicht einmal der Gedanke in den Kopf, dass es sich hier um zwei unmoralische Personen handeln würde…

Obwohl es in dem Buch einige deftige Passagen gibt, wird Andrea Kossmann nie obszön und gleitet nie in eine anrüchige Schiene.

Gerade bei den erotischen Szenen gibt Andrea Kossmann dem Leser genau vor was und wie er sich die Szene vorzustellen hat und trotzdem hat man(n) genug Freiraum um sich das eine oder andere vor dem inneren Auge auszumalen….

Es ist eine Meisterleistung sich so elegant auf einem so schmalen Grat zwischen Erotik und Obszönität zu bewegen. Ich denke, dass Andrea Kossmann hier eine Idealansicht eines weiblichen, von gesellschaftlichen Zwängen befreitem Leben skizziert, das von immer mehr Frauen gewünscht wird, ohne dass diese sich über Konsequenzen bewusst sind.

Die Thematisierung von sexueller Freigebigkeit als Ausdruck einer Befreiung der Frau von der emotionalen Abhängigkeit des Mannes… Wurde schon von anderen Autoren versucht – Andrea Kossmann hat es geschafft auch unter Darstellung der Konsequenzen für die Frauen.

Die Entwicklung

Interessant ist, dass die Hauptdarstellerin des Buches eine spürbare und durchaus wichtige Entwicklung durchlebt.

Eine innere Veränderung der ISA ist von Kapitel zu Kapitel spürbar und meiner Ansicht so dermassen wichtig, dass dieses Buch NICHT „nur“ in die Humorecke gehört. Denn die Humorecke wird dem Buch wirklich nicht gerecht.

Andrea Kossmann hat es geschafft, dass der Leser des Buches mitten in Münster-Hiltrup einen Wellenritt der besonderen Art durchmacht. Wellenritt, weil das Buch durch ein Auf und Ab der Geschichte an Struktur und Bedeutung aber auch Leichtigkeit gewinnt.

Andrea Kossmann lässt Isa immer wieder in eine Art Fantasiewelt abgleiten und unterstreicht somit die Diskrepanz zwischen dem Leben das ISA hat, und dem Leben das ISA will. Dieser Wechsel zwischen Realität und Wunschdenken der Isa Schwärzenbach bestimmt den Rythmus des Buches und wird von mir als „Kossisches Welltenreiten“ bezeichnet.

Dabei versteht sie es besonders gut dem männlichen Leser die Komplexität des weiblichen Denkens darzulegen. Jeder Mann der verheiratet ist, kennt diese irren Gedankensprünge seiner eigenen Ehefrau!

Im Buch Männertaxi kommt es dadurch zu urkomischen Situationen, in denen der Leser von einem Spaziergang mit Wunsch-Ehemann George Clooney bis zu kalten Nüchternheit des Pornozimers in der Videothek, in der ISA arbeitet, geführt wird.

In nur Sekunden, hat ISA – eine 5 Mio Dollar Villa bezogen, George Clooney geheiratet, 3 Kinder bekommen und am Strand von Malibu einen ausgedehnten Spaziergang unternommen – bis sie auf einmal den Zenit der Fantasiewelle überschritten hat und in das nasse Tal der Realität rauscht um Ihrem Albtraum-Mann Wolf gegenüber zu stehen. „Kossisches Welltenreiten“ halt!

Das Buch ist wie ein Fluss

Ich vergleiche Bücher gerne mit Geschmäckern, ähnlich wie man Wein beschreibt. Bei diesem Buch kann ich das nicht so gut, weil mir die Zutaten, die Andrea Kossmann benutzt weitestgehend fremd sind.

Vielmehr kam mir dieses Buch vor wie ein kleiner Bach, der in den schroffen und kalten Bergen der Voralpenlandschaft entspringt und dort vor sich hin plätschert, bis zu dem Abend, an dem Pia und Isa die glorreiche Idee des „Männertaxi“ haben. Ab da nimmt die Geschwindigkeit zu und dieser kleiner Rinnsal wächst zu einem Bach.

Stromschnellen, Probleme und Herausforderungen sorgen für einen starken Wellengang und kreieren den rasanten Wechsel zwischen den ruhigen und lauten Momenten in diesem Buch.

Auf der Reise nimmt der Bach so ziemlich jedes Problem mit, dass sich ihm in den Weg stellt. Denn Isa bleibt auf Ihrer Reise durch dieses Abenteuer im Grunde nichts erspart, jedoch bekommt sie irgendwie alles geregelt.

Isa und der Bach wachsen im Lauf der Zeit an und die Wellen werden seichter und Flussbett immer breiter. Isas Welt wird im Laufe der Reise überschaubar.

Der Bach wird zu einem Fluss und nach zwei Drittel des Buches denkt sich der Leser: „Na wars das schon!?“

… Und dann wird man überrascht. Die Geschichte entwickelt sich weiter ohne das Andrea Kossmann auf das Werkzeug einer „dramaturgischen Wende“ zurückgreift. Vielmehr kann man die Entwicklung mit dem Moment vergleichen in dem ein Fluss auf das grosse weite Meer stösst.

Alles bleibt irgendwie beim alten, aber die Stimmung ändert sich, das Wasser wird salziger, die Optionen erhöhen sich und ISA erfährt eine Erweiterung Ihrer kleinen, von Tom, Sascha und Phil geprägten Welt.

Auf den letzten Seiten des Buches spürt man, dass man am Ende dieser Etappe angekommen ist, aber anstatt nach hinten zu schauen, richtet sich Isas Blick nun nach vorne, auf ein neues Leben mit ungeahnten Möglichkeiten.

Es ist wie ein Aufbruch in eine neue Welt, in der man anstatt nach hinten, nach vorne schaut. Eine Welt in der man anstatt konsumiert lieber mit Freude geniesst, in der man nicht erntet, sondern sät, in der man nicht redet, sondern zuhört.

Eine Welt in der Nähe eine andere Bedeutung bekommt als gemeinsam die Nacht durchzuvögeln. Am Ende bekommt ISA nicht das was sie will! Sie bekommt was Sie braucht!

Ein schönes Buch – und so gelb!

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