Der nächtliche Lauscher

Heute möchte ich über ein Buch von Armistead Maupin reden. Ein Schriftsteller, der nicht nur die Gabe hat in Bildern zu erzählen, sondern auch Inhalte und Gefühle auf den Leser in regelrechten in Emotionswellen zu übertragen.

Er hat die Gabe komplizierte Geschichten mit komplexen Handlungen in wenigen Worten und mit viel Gefühl zu erklären. Das Buch „Der nächtliche Lauscher“ handelt über den Autor und Radiomoderator Gabriel Noone.

Maupin hat die Gabe zu erzählen. Er kann teilhaben lassen.
Maupin hat die Gabe zu erzählen.
Er kann teilhaben lassen.
Gabriel Noone lebt mit seinem Ehemann Jess in San Francisco. Jess leidet an AIDS und will sich zum Schluss seines Lebens aus der Beziehung zu Gabriel lösen.

Jess steht eher auf Lederkerle, Fisting, Penetration und Urinspiele und will nicht weiter an den Zehen des Gabriel Noone nuckeln. Er mags halt ein wenig Kinky…

Für Gabriel bricht eine Welt zusammen, denn er hat nicht nur seinen Mann verloren, sondern auch ein Stück seiner „Daseinsberechtigung“. Schliesslich hat die Krankheit von Jess Gabriel immmer wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft geholt – auch wenn seine Radio-Sendung mal nicht so dolle lief…

Er genoss die Rolle des „fast trauernden“ Ehemannes und hatte sich sogar schon im Geheimen die Beerdigungszeremonie ausgemalt… Noone neigt dazu sich die Wirklichkeit „schön zu glauben“ und hat einen Hang zur Übertreibung. Was Noone macht, macht er zu 170%.

Um zu verstehen, warum Noone so ausgiebig auf der Krankheit seines Mannes rumhampelt, muss man sich mit der Zeit, in der das Buch spielt auseinander setzen.

Man muss wissen, dass es in den 80ern in San Francisco, Kalifornien ein enorm hohes mediales Interesse an der Krankheit AIDS gab und dass Noone, der KEIN Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten entwicklen konnte die Krankheit seines Mannes wirklich als Daseinsberechtigung benötigt hat.

Das merkt man besonders in den Passagen, in denen er bereitwillig Auskunft über die Krankheit seines Mannes gibt, obwohl sie nicht mehr zusammen leben. Mitten in das Gefühlschaos um Trennung und Sinnverlust bekommt Gabriel ein Manuskript zugeschickt, für das er eine Empfehlung schreiben soll.

Der Autor dieses Manuskript ist ein dreizehnjähriger Junge, der in seiner Kindheit von seinen eigenen Eltern an perverse vermietet wurde und mittlerweile bei seiner Sozialarbeiterin wohnt.

Pete ist wie Jess an AIDS erkrankt und steht kurz vor dem Finale seines Lebens. Zwischen Gabriel und Pete, sowie seiner Mutter Donna entsteht ein telefonischer Kontakt mit dem die Geschichte Ihrem rasanten Verlauf nimmt! Interessant wird es, weil Noone im direkten Kontakt mit dem Todkranken Jungen Emotionen frei lässt, die er im Umgang mit Jess nicht frei lassen kann.

Das Buch wurde verfilmt, leider hat der Film aus dem Jahr 2006 mit Robin Williams in der Rolle des Noone recht wenig mit dem Buch zu tun. Im Grunde ist es eine ganz andere Geschichte.

Das zeigt sich schon darin , dass der für mich wichtige Handlungsstrang um die Beziehung von Noone und seinem Vater völlig fehlt . Damit fehlt auch die Erklärung für die scheinbar negative Eigenschaft Noones, sich die Wirklichkeit zurecht zu biegen können.

Maupin hat es geschafft diese Schwäche zugleich auch als Stärke darzustellen. Noone kann mit dieser Gabe sich über Katastrophen und Emotionsgewitter hinweg retten, was ihn wahrscheinlich mehr als einmal den verstand gerettet hat. Diese Gabe begründet sich in einem emotionalen Missbrauch durch seinen Vater in Noones Jugend.

In dem Buch ist sehr gut zu erkennen, dass Noones Blick auf die Realität immer klarer wird, je mehr er sich mit der emotionalen Kälte seines Vaters auseinander setzt. Als er es schafft sich gegen seinen Vater zur Wehr zu setzen ist auch der Moment gekommen, in dem er die Trennung von Jess akzeptiert.

Vor allem aber die Verbindungen zwischen der realen Person Armistead Maupin und dem Buch-Protagonisten Noone, die ja beide einen jüngeren Partner haben und einen Vater-Sohn Konflikt bewältigen müssen, fehlen gänzlich in dem Film.

Der Film ist kein Armistead Maupin!

Die Überschneidungen im Verhalten von Donna und Noone, die beide einen Menschen brauchen, für denen Sie sich unter dem Joch der Krankheit Aids aufopfern kann man im Film nicht einmal erahnen…. Im Buch kann man es jedoch sehr gut herausspüren.

Schade. Ich empfehle das Buch – nicht den Film! Armistead Maupin hat die Gabe zu erzählen, teilhaben zu lassen.

Kommentar verfassen